Abdo braucht seine Familie und seine Familie braucht ihn!

Ich unterstütze Abdo und seine Familie!

Ich habe Abdo bei einem Theaterprojekt des Deutschen Theaters im Herbst 2016 kennengelernt. Als Theaterpädagogin habe ich dort kurze Zeit später ein weiteres Jugendtheaterprojekt geleitet: Unter dem Titel MAKING FRIENDS haben geflüchtete und nichtgeflüchtete junge Menschen über sechs Monate hinweg ein Theaterstück zum Thema Freundschaft entwickelt. Abdo war einer der fünfzehn Darsteller_innen, die in ihrer Zusammensetzung sehr heterogen waren. Junge theatererfahrene und selbstbewusste Frauen aus gutbürgerlichen Familien trafen auf geflüchtete junge Männer aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea mit unterschiedlichem Bildungshintergrund, die teilweise erst kurz in Deutschland waren, kaum Deutschkenntnisse hatten und ohne ihre Familien hergekommen waren. Nach einem ersten Kennenlernen war klar, dass diese Unterschiede beim Thema Freundschaft keine Rolle spielen sollten, doch schnell stellte sich heraus, dass manche kulturelle Gräben größer waren als vermutet.

In den Proben wurde viel improvisiert und ausprobiert aber auch sehr viel debattiert und diskutiert. Inwieweit sollen die kulturellen Unterschiede thematisiert werden und was und wie viel von der jeweils eigenen Geschichte soll in das Theaterstück einfließen?

Abdo hat in der Gruppenkonstellation eine besondere Rolle eingenommen. Anfänglich hat er sehr genau beobachtet und versucht, seinen Platz in der Gruppe zu finden. Er war allen Menschen und Themen gleichermaßen offen gegenüber eingestellt, hat im Verlauf der Proben aber auch sensibel wahrgenommen, dass nicht alle diese Offenheit teilen, dass es unausgesprochene Barrieren oder Vorbehalte gibt. Sehr mutig hat er diese Wahrnehmung in der Gruppe angesprochen und damit eine intensive Auseinandersetzung angestoßen, die sich ab da in jeder Probe fortgesetzt hat. Gemeinsam mit einer Darsteller_in hat er daraufhin folgenden Text entwickelt, den die beiden später auch auf der Bühne zusammen gerappt haben:

 

Wenn sich zwei Menschen treffen, treffen sich Planeten.

Die umeinander kreisen und Galaxien bilden.

Die neue Sterne generier´n, manchmal in sich implodier´n, 

In schwarzen Löcher untergeh´n oder Neuland dort erspäh´n.

 

Wichtig ist, aufeinander zu zugehen,

auf gutem Abstand zu stehen,

sich respektvoll in Herz und Augen zu sehen

anstatt in Tiefen des Instaprofils verlor´n zu gehen.

abdo1-dt

Ich, du, er, sie, es, wir, ihr .. die Welt, sie ist halt bunt.

Er hat Migrations- und ich Menstruationshintergrund.

Einen Menschen macht so vieles aus

Aber am geringsten ist´s die Farbe der Haut.

So lets be open, lets be brave,

What we all need, is being loved and save.

Foto: Eike Walkenhorst

Ich habe die Zusammenarbeit mit Abdo als sehr besonders empfunden. Oft ist er nach den Proben länger geblieben, um über seine Erlebnisse aus der vorangegangenen Probe zu sprechen. Abdo ist ein sehr sensibler junger Mensch, der Zwischenmenschliches unwahrscheinlich genau wahrnimmt. Ich bewundere sehr, dass er diese Wahrnehmung offen kommuniziert, auf die Menschen um sich herum zugeht und darüber ins Gespräch kommt. In der Theatergruppe hat er sich oft als Vermittler zwischen den Kulturen gezeigt und für diejenigen stark gemacht, die ihre Gedanken noch nicht so sprachgewandt ausdrücken konnten. Er hat darauf Wert gelegt, dass jeder gleichermaßen zu Wort kommt und auch unbequeme Themen angesprochen. Oft waren wir alle einfach nur sprachlos, wenn Abdo Geschichten aus seiner Heimat mit uns geteilt hat, wir haben zusammen geweint, aber auch sehr viel gelacht oder beides gleichzeitig, zum Beispiel als uns Abdo das Foto seiner neugeborenen Schwester gezeigt hat, die die gleichen großen funkelnden Augen hat wie er.

Immer wieder habe ich gestaunt, wie schnell Abdo in Berlin angekommen ist, wie schnell und wissbegierig er die Sprache, die Kultur, die Geschichte aufsaugt. Wie schnell er mit Menschen in Kontakt kommt und welchen großen Stellenwert Freundschaft für ihn einnimmt. Sein Interesse für die Menschen und das, was hinter jedem Einzelnen steckt ist wahnsinnig groß, er gibt jedem den Raum und die Aufmerksamkeit, die er braucht.

Aber ich habe auch mitbekommen, wie sehr auch er selbst diese Aufmerksamkeit braucht, wie sehr er darunter leidet, seine Familie so unerreichbar weit weg zu wissen.

Abdo braucht seine Familie und seine Familie braucht ihn!

Anne Tippelhoffer (Theaterpädagogin/ Dramaturgin, Deutsches Theater)

 

 

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