Abdo lebt mit uns, doch seine Familie ist in Syrien

Wir hoffen, dass Abdos großer Wunsch in Erfüllung geht und er uns eines Tages seine Heimat zeigen kann. Die Olivenbäume, das syrische Essen, die Gerüche, die Sprache, die Musik, die Häuser, das alte Moped der Familie, seinen Hund …

Seit dem Sommer 2016 lebt Abdo nun als Pflegesohn bei meinem Mann Peter und mir. Wir wohnen unter einem Dach, wir nehmen die Mahlzeiten gemeinsam ein, wir sprechen viel miteinander (am Anfang taten wir das mit Händen und Füßen), wir reden über Religionen, über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten, wir lachen, wir streiten, wir weinen, wir singen, wir erzählen uns Witze, Geschichten, Alltägliches, wir verhandeln Regeln, wir verstehen uns, wir missverstehen uns, wir staunen, wir lernen jeden Tag etwas Neues voneinander und wir lernen einander immer besser kennen. Wir sind Familie geworden.

Abdo gehört nun zu unserem Leben und wir möchten ihn nicht mehr missen.

Wenn ich jetzt diesen Satz schreibe, dann denke ich an all die innigen Momente, die wir miteinander haben und dann denke ich an seine Mutter, die ihn hat gehen lassen müssen und ich mag mir nicht mal im Ansatz vorstellen, wie es ihr erging, als sie Abdo auf die gefährliche Flucht schicken musste.

Ich sorge mich um Abdo, wenn er später als verabredet nachhause kommt, ich leide mit, wenn er krank ist, ich ärgere mich über ihn, wenn er Absprachen nicht einhält, ich freue mich über ihn, wenn er lauthals los prustet und wenn er einen Gedanken formuliert, der von Tiefsinnigkeit und Feinfühligkeit zeugt.

Ich begleite ihn nun seit zwei Jahren, das sind zwei Jahre, in denen seine Mutter ihn nicht sehen konnte.

Das sind zwei Jahre, in denen aus einem zurückhaltenden Jungen ein selbstbewusster junger Mann geworden ist. Ein junger Mann, der sich mit all seiner Kraft bemüht, sich in Berlin zurecht zu finden, der die deutsche Sprache gelernt hat, Freund_innen gefunden hat, der viele Wünsche, Pläne und noch mehr Hoffnungen hat.

Abdo erzählt uns ständig Geschichten über seine Mutter, seinen Vater, seine Geschwister, so dass die ganze Familie uns auch immer vertrauter wurde.

Abdos Mutter und ich schicken einander Bilder. Sie schickt mir Fotos von Abdo als er noch klein war und ich schicke ihr aktuelle Fotos. Sie staunt über seinen Bartwuchs, staunt wie erwachsen er ausschaut und ich bin gerührt, wenn ich Kinderbilder von Abdo sehe.

Manchmal hole ich mir ihren Rat ein, manchmal erzählen wir uns aber auch einfach nur Alltäglichkeiten, versuchen damit das Unerträgliche ein bisschen leichter zu machen, auch wir lernen einander kennen und immer wieder bewundere ich so sehr die Kraft dieser Frau, die es trotz der harten Zeiten schafft, ihren Kindern ein Stück Kindheit zu bewahren.

Ich erlebe in dieser Zeit eine mich ständig begleitende Zerrissenheit.Ich kann mich freuen über das Geschenk, dass dieser wunderbare Junge in mein Leben gekommen ist und gleichzeitig weiß ich, dass es eine Familie gibt, die ihn schmerzhaft vermisst.

Abdo wuchs in einer sehr liebevollen Familie auf, das ist spürbar. Es ist ihm gelungen, trotz der schlimmen Erlebnisse, die ihm widerfuhren, neugierig auf das Leben zu bleiben. Er hat eine unbändige Lust Menschen kennen zu lernen, Geschichten zu hören, Neues zu erleben und er hat einen unglaublichen Willen sich weiter zu entwickeln.

Nun ist er also volljährig. Damit ist die kleine Hoffnung, dass es eine Möglichkeit geben würde als minderjähriger Geflüchteter seine Eltern nachholen zu dürfen, erloschen.

Doch er braucht weiterhin seine Eltern, seine Geschwister und vor allem braucht er die Zuversicht, dass sie in Sicherheit sind. Erst vor einer Woche wurde einem Verwandten eine Kugel in den Kopf geschossen. So richtig habe ich nicht verstanden, wer das getan hat, das ist auch zweitrangig, doch worum es geht, dass jede dieser furchtbaren Dinge, die immer noch tagtäglich in Syrien passieren, Abdo davon abhalten, hier zur Ruhe zu kommen.

Ich fühle mich überfordert diesen Krieg zu durchschauen, ich fühle mich überfordert all den politischen Machtverhältnissen zu folgen. Ich fühle mich überfordert mit Abdo seine Perspektiven zu besprechen, denn ich weiß nicht, wie es weiter geht, wenn der subsidiäre Schutz abläuft und unsere Klage gegen die Ablehnung des Asylantrages ohne Erfolg bleibt und ich fühle mich meistens überfordert, Abdo zu beruhigen, wenn er sich um seine Familie sorgt und dann wünsche ich mir so sehr, dass seine Mutter da ist, die es dann sogar über das Telefon schafft Worte zu finden, die ihn stärken und ihm Kraft geben.

Wir versuchen ihm hier Halt zu geben, versuchen für ihn da zu sein und ihm ein Zuhause zu sein und so können wir auch nicht die Augen davor schließen, dass Abdo jeden Tag aufs Neue darum kämpft, ein Stück Normalität zu leben, Jugendlicher zu sein. Wir wissen ja, wie ihn spätestens in der Nacht, dann in seinen Träumen die Sorgen um seine Familie verfolgen.

So werde ich also weiterhin alles tun, was in meiner Macht steht, damit er endlich wieder mit seinen sechs jüngeren Geschwistern, seiner Mutter und seinem Vater zusammen sein kann. Gleichzeitig werde ich weiterhin hoffen, dass es Frieden geben wird und wir uns dann Abdos Heimat einmal gemeinsam anschauen können.

Bitte unterstützt die Kampagne “wir holen Abdos Familie aus Aleppo“!

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Andrea Rakers – Pflegemutter

Nachsatz:

Uns begegnet, seitdem wir die Kampagne „ wir holen Abdos Familie aus Aleppo“ ins Leben gerufen haben, viel Zuspruch, das macht uns sehr froh und stimmt uns zuversichtlich.

Wir erfahren Unterstützung, an Stellen, wo wir sie nicht erwartet haben, wir lernen neue Menschen kennen, großzügige Menschen. Menschen, die mit uns an den Erfolg der Kampagne glauben! Dafür sind wir sehr dankbar!

Wir lernen aber auch mit der Enttäuschung zu leben, wenn Unterstützung ausbleibt, wo wir sie erhofft und auch erwartet haben. Wir bekommen jetzt immer wieder auch Rückmeldungen, dass wir uns doch viel zu viel vorgenommen haben… Es gibt Zweifler, die befürchten, dass die Eltern sich in Berlin nicht zurechtfinden werden, dass es schwierig sein wird eine Wohnung zu finden, dass sie es bereuen werden, wenn sie merken, dass es hier auch nicht so einfach ist etc.

Die Zweifel sind berechtigt. Wir wissen nicht, ob es den Eltern hier gut gehen wird, doch Abdos Mutter hat um Hilfe gebeten, weil sie für die Kinder in Syrien keine Perspektive sieht.

Abdo ist Teil unserer Familie und damit ist seine Familie auch Teil der Familie. Wie könnten wir diesen Hilferuf ignorieren oder uns hinter zweifelnden Vermutungen verstecken?

Die Familie hat mit der Bitte nach Hilfe lange gezögert, sie waren lange ambivalent und sind es sicher immer noch, denn wenn sie gehen, dann geben sie viel Vertrautes auf.

Daher sind mein Mann und ich fest davon überzeugt, dass die Familie erst in dem Moment um Hilfe gebeten hat, nachdem sie sich die Entscheidung, zu gehen, reiflich überlegt hat.

Deshalb haben wir entschieden, an die Öffentlichkeit mit der Geschichte von Abdo und seiner Familie zu gehen. Möglichst vielen Menschen davon zu erzählen, deshalb bleiben wir hartnäckig, reden, schreiben, telefonieren und fallen damit wahrscheinlich einigen Menschen schon auf die Nerven, aber das ist uns egal, denn wir glauben ganz fest an den Erfolg unserer Kampagne!

Und es braucht gar nicht so viel: Wenn 200 Menschen z.B. auf 1x Essen gehen im Monat verzichten und stattdessen einen Dauerauftrag über 20 Euro über einen Zeitraum von 5 Jahren verbindlich einrichten, dann hätten wir unser Ziel erreicht und würden sicherlich auch ausreichend Verpflichtungserklärer_innen finden.

Das ist zu schaffen!

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